Haben Sie noch Fragen? Kontaktieren Sie uns:

Blog

Sechs Gründe, die gegen ein Veto sprechen

Warum gibt es beim Systemischen Konsensieren kein Vetorecht? Das werden wir häufig gefragt. An dieser Stelle wollen wir das beantworten.

Formale Entscheidungssysteme kann man grob in zwei Richtungen einteilen:
Mehrheitsorientiert oder konsensorientiert. Die Besonderheit, die viele am Konsensprinzip
schätzen, ist der Minderheitenschutz durch das Veto. Solange auch nur eine Person gravierende Bedenken in Form eines Vetos hat, kann ein Vorschlag nicht umgesetzt werden. Theoretisch wird dadurch jede:r mitgenommen, Einwände werden eingearbeitet und es wird solange gefeilt, bis sich alle einig sind.

Die Praxis sieht häufig anders aus und wir haben hier ein paar exemplarische Sachverhalte
gesammelt, die für uns den Sinn des Vetos zumindest in Frage stellen.

  1. Die Vetos erhalten überdurchschnittlich viel Macht. Plötzlich dominiert eine
    kleine Fraktion die Mehrheit. Wer zuletzt zustimmt, hat die Möglichkeit, die anderen
    unter Druck zu setzen. Das kann man zum Beispiel in der EU beobachten, wo regelmäßig
    einzelne Länder ihre Vetomacht nutzen, um Forderungen durchzudrücken.
  2. Der Status Quo ist zwar für viele inakzeptabel, Veränderung wird aber blockiert.
  3. Wenn sie sich nicht einig werden können, machen Gruppen Abstriche, zum Beispiel in
    Form von „Konsens minus eins“ (Ein Veto reicht nicht zum blockieren) oder indem nur
    „schwerwiegende Einwände“ überhaupt zugelassen werden. Faktische Unzufriedenheit
    mit der Entscheidung wird so per Definition ausgeblendet.
  4. In informelleren Gruppen wird so lange diskutiert, bis denjenigen, die mit der
    Entscheidung Probleme haben, die Puste ausgeht.
  5. Um wichtige Themen durchzusetzen, werden sie deswegen ans Ende einer längeren
    Besprechung gesetzt, denn dann hat niemand mehr Lust, noch weiter zu diskutieren.
  6. Manchmal entsteht ein Pseudo-Konsens, weil niemand als Blockierer:in gelten möchte.
    Menschen mit Einwänden werden damit weder gehört, noch geschützt.
    Und dann ist da noch die Vorschlagsformulierung. Da gab es zum Beispiel eine kleine
    Gemeinschaft, die aus einem Sommerfest noch Geld übrig hatte und überlegte, was sie damit machen. Einige wollten gerne ein Sonnensegel kaufen, aber eine Person hatte etwas dagegen und nutzte ihr Veto. Als wir vorschlugen, den Vorschlag mal andersrum zu formulieren („Wir lassen das Geld auf der Bank“), hatten plötzlich drei Leute ein Veto. Je nachdem, wie ein Vorschlag formuliert ist und wie dadurch die Passivlösung aussieht, bewirkt ein Veto ganz unterschiedliches.

Viel sinnvoller als ein Veto erscheint uns deswegen, gerade bei konfliktträchtigen
Entscheidungen, unter allen möglichen Lösungen diejenige herauszufinden, welche dem
Konsens am nächsten kommt. Und wenn die Gruppe sich vor Augen führt, welches momentan
die tragfähigste Lösung ist, wird diese nicht selten per Schnellverfahren im Konsens
angenommen.