Manchmal entstehen neue Modelle nicht am Schreibtisch. Sondern mitten in einem Workshop.
So war es jedenfalls beim Beteiligungsnavigator.
Immer wieder ging es um dieselbe Frage: „Wie viel Beteiligung ist hier eigentlich sinnvoll?“ Die Diskussionen verliefen erstaunlich ähnlich. Die einen wollten möglichst viele Menschen beteiligen. Die anderen warnten davor, Verantwortung aus der Hand zu geben. Und ich hatte zunehmend das Gefühl, dass wir über verschiedene Dinge sprechen, ohne sie voneinander zu unterscheiden.
Mir wurde klar, dass Beteiligung von zwei unabhängigen Einflussgrößen beeinflusst wird.
Entscheidungsmacht und Gestaltungsmacht.
Dieser Gedanke war der Ausgangspunkt für alles Weitere. Denn wenn wir über Beteiligung sprechen, vermischen wir häufig zwei unterschiedliche Fragen: Wer trifft die Entscheidung? Und: Wer gestaltet die Lösung? Beides hat Einfluss auf das Ergebnis. Aber es ist nicht dasselbe.
Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir: Die meisten Beteiligungsmodelle bilden diese beiden Einflussgrößen nicht getrennt ab. Sie reduzieren Beteiligung auf eine einzige Achse – meist darauf, wer entscheidet. Aus meiner Sicht geht dabei etwas Wesentliches verloren.
Denn Menschen können intensiv an einer Lösung mitarbeiten, obwohl die Entscheidung am Ende bei einer Führungskraft liegt. Und umgekehrt können Entscheidungen formal delegiert sein, obwohl die eigentliche Lösung nie gemeinsam entwickelt wurde.
Mir geht es ausdrücklich nicht darum, Hierarchien abzuschaffen. Ich erlebe vielmehr, dass viele Organisationen nach Möglichkeiten suchen, Beteiligung sinnvoll zu gestalten, ohne Verantwortung unklar werden zu lassen. Genau hier hilft die Unterscheidung. Entscheidungsmacht und Gestaltungsmacht lassen sich unabhängig voneinander gestalten. Beteiligung wird dadurch nicht zu einer Grundsatzfrage, sondern zu einer Gestaltungsaufgabe.
Irgendwann begann ich, beide Dimensionen als Koordinatensystem aufzuzeichnen. Nicht, weil ich ein neues Modell entwickeln wollte. Sondern weil ich die vielen Beteiligungssituationen, die mir begegneten, irgendwie ordnen wollte. Mit jeder Organisation wurde diese Landkarte klarer. Aus ihr entstand schließlich der Beteiligungsnavigator.

Was sich dadurch verändert
In Workshops passiert dann oft etwas Spannendes: Die Diskussion verändert sich. Vorher geht es häufig um Positionen. „Wir werden zu wenig beteiligt.“ „Am Ende entscheidet doch sowieso die Leitung.“ „Das dauert alles viel zu lange.“ Mit dem Beteiligungsnavigator verschiebt sich der Blick. Plötzlich reden wir nicht mehr darüber, ob Beteiligung gut oder schlecht ist, sondern darüber, welche Form der Beteiligung zu genau dieser Fragestellung passt. Das klingt erst einmal unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn auf einmal können Menschen über Beteiligung sprechen, ohne sich ständig verteidigen zu müssen.
Ein Beispiel
Besonders deutlich wurde mir das in einem Workshop mit Kitaleiterinnen. Ich bat sie, eine konkrete Entscheidung aus ihrem Alltag auf dem Beteiligungsnavigator einzuordnen. Schnell zeigte sich: Die Ergebnisse waren ganz unterschiedlich. Nicht, weil einige recht hatten und andere falsch. Sondern weil die Kitas ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen hatten.
Und genau das war die eigentliche Erkenntnis. Es ging gar nicht darum, die richtige Beteiligungskonstellation zu finden. Es ging darum, begründen zu können, warum eine bestimmte Form der Beteiligung in der eigenen Situation sinnvoll ist.
Viele beschrieben die Unterscheidung zwischen Entscheidungs- und Gestaltungsmacht als echte Erleichterung. Plötzlich mussten sie Beteiligung nicht mehr nur zulassen, einfordern oder verweigern. Sie konnten sie bewusst gestalten. Und genau dafür habe ich den Beteiligungsnavigator entwickelt.
Wie es weitergeht
Der Beteiligungsnavigator ist noch nicht fertig. Im Buch (bald, bald mehr dazu) beschreibe ich das Modell ausführlicher und zeige, wie daraus konkrete Beteiligungsarchitekturen entstehen und wie er mit den SK-Werkzeugen zusammen Hand in Hand geht. Parallel habe ich ein Kartenspiel entwickelt, mit dem Teams und Führungskräfte ihre Beteiligung gemeinsam reflektieren und weiterentwickeln können. Der Beteiligungsnavigator verändert schon heute die Gespräche über Beteiligung. Und genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, ihn mit der Welt zu teilen.
✨ Zum Weiterlesen & Dranbleiben
Vertieft gehe ich im bald erscheinenden Buch „Das Wertvolle Nein“ ein, einem umfassenden Handbuch zu Systemischem Konsensieren und beteiligendem Moderieren.
Wenn Du als Erste:r erfahren möchtest, wann es erscheint, trag Dich hier ein:
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Mit Beteiligungsdesign arbeiten wir bereits intensiv in unseren Seminaren zum Systemischen Konsensieren.
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