Ein FAQ zum Systemischem Konsensieren

Neue Ideen brauchen einige Zeit zum Verdauen. Wir haben für euch die häufigsten Fragen aus unseren Seminaren gesammelt und beantwortet.

Deine Frage ist nicht dabei? Schreib uns eine Mail an info@konsenslotsen.de und wir nehmen sie im nächsten Update auf!

Warum werden keine Pro Stimmen benutzt?

Ziel des Konsensierens sind Lösungen, die für die Gruppe eine hohe Akzeptanz haben. Der Fokus auf Präferenzen, ob durch Pro Stimmen oder die Frage nach der Lieblingsvariante führt erfahrungsgemäß zu ganz anderen Resultaten: Die Gruppe wird in konkurrierende Lager gespalten, es wird gefeilscht und um die Durchsetzung der eigenen Lösung gekämpft. Welches Konfliktpotential in einer möglichen Lösung steckt bleibt unerkannt, bis es an die Umsetzung geht – und die Verlierer der Abstimmung werden

Warum werden dann Widerstandsstimmen benutzt?

Würden wir direkt nach der Akzeptanz fragen wären wir schnell wieder bei den individuellen Wunschlösungen. Stattdessen messen wir das Konfliktpotential, das ein Vorschlag beinhaltet. Man kann sich vorstellen, dass sich Bedürfnisse, die durch eine Lösung nicht erfüllt würden, in inneren Widerständen äußern. Und das lässt sich an den W-Stimmen direkt ablesen.

Kommt am Ende nicht ein lascher Kompromiss heraus?

Kompromisse oder „der kleinste gemeinsame Nenner“ entstehen meistens dadurch, dass an einem Vorschlag so lange rumgefeilt wird, bis alle einigermaßen mitgehen können. Beim Konsensieren wird zunächst kreativ nach Lösungen gesucht. Unter den vorstellbaren und befriedigenden Lösungen sucht die Gruppe diejenige mit den wenigsten unangenehmen Begleiterscheinungen. Vorschläge, die das Problem nicht zufriedenstellend lösen werden durch Widerstand abgewertet.

Was ist wenn es wirklich nur zwei Optionen gibt: Entweder ja oder nein?

Wir sind es durch jahrelanges Konditionieren gewöhnt, in Schwarz-/Weiß-Kategorien zu denken: Ja oder nein, rechts oder links, gewinnen oder verlieren. Die Wirklichkeit ist wesentlich komplexer, wir müssen es nur erkennen. Deswegen geht es im Konsensieren immer um offene W-Fragen: Wie, wann, wo, womit, …

Konflikt-behaftete Entscheidungen über ein Entweder/Oder lassen sich mit ein bisschen Kreativität leicht zu einer W-Frage öffnen. Aus „Wollen wir, dass Paul bei uns einzieht?“ wird dann „Wie wollen wir mit Pauls Anfrage umgehen, bei uns einzuziehen?“. Dadurch wird die kreative Lösungssuche überhaupt erst ermöglicht.
Mehr Infos dazu findest du im Artikel “Die Kunst, die richtigen Fragen zu Stellen”.

Wo haben Diskussionen Platz?

Idealerweise genau dort, wo die Gruppe sie haben möchte!

Austausch in der Gruppe ist sinnvoll, damit alle ein genaues Bild von der Situation haben. In den Moderations-Prozessen, zum Beispiel im Vertieften Konsensieren, ist Platz für Austausch auf der Sachebene und das offenlegen individueller Anliegen sowie der Einschätzung von möglichen Vor- und Nachteilen der einzelnen Vorschläge.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es in einer erfahrenen Gruppe immer weniger Diskussion braucht, je mehr diese klare Struktur verinnerlicht wird. Wenn weiterer Diskussionsbedarf besteht kann der Prozess aber jederzeit durch Schnellkonsensieren angepasst werden.

Sollte eine gute Idee nicht auch mal polarisieren?

Wenn man zum Beispiel ein Design entwickelt und Aufmerksamkeit erregen will: Auf jeden Fall!

Die Frage ist eher: Entscheiden wir uns als Gruppe gemeinsam für eine polarisierende Lösung – oder ist es der Wunsch einzelner? Denn auch die Entscheidung für eine unbequeme Lösung sollte im Idealfall durch die Gruppe getroffen werden.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?
  • Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe, ein gemeinsames Ziel.
  • Etwa gleichartige Betroffenheit.
  • Etwa gleichartige Verantwortung.

All das kann durch Wohlwollen/Zusammengehörigkeitsgefühl ersetzt werden.

Ist dies nicht gegeben, kann trotzdem eine Entscheidungsempfehlung konsensiert und die finale Entscheidung auf der Ebene der tatsächlichen Entscheidungsverantwortung belassen werden.

Gibt es Entscheidungssituationen, für welche andere Kriterien gelten?

Solche Entscheidungen gibt es. Für diese sollten andere Entscheidungsverfahren eingesetzt werden. Als Beispiele wären zu nennen:

  • Spiele; hier ist es oft ganz wesentlich, dass Entscheidungen durch Zufall gefällt werden.
  • Fälle, in welchen der Verantwortungsdruck auf die Entscheidenden unzumutbar groß ist, sodass auch hier manchmal ein Zufallsentscheid vorzuziehen ist.
  • Kritische Situationen, in welchen unter hohem Zeitdruck entschieden werden muss. Hier sind eventuell Einzelentscheidungen vorzuziehen.
  • Entscheidungen mit stark unterschiedlich ausgeprägter Verantwortung unter den Entscheidenden. Hier muss das Entscheidungsverfahren an das unterschiedliche Ausmaß der Verantwortlichkeit angepasst werden.
  • Der Entscheid für den eigenen Lebenspartner sollte nicht aufgrund von geringstem Widerstand getroffen werden

 

Zusätzlich gibt es eine Klasse von Entscheidungen, bei welchen sich die Gruppe vorher auf ein spezielles Entscheidungskriterium einigt. Diese Entscheidungen können in vielen Fällen durch „Prioritätskonsensieren“ getroffen werden. Bei Prioritätskonsensieren bewertet jeder Teilnehmer jeden Vorschlag durch seinen Widerstand gegen eine spezielle Bewertungsaussage, welche das Entscheidungskriterium enthält. Zum Beispiel beim Bewertungskriterium „Dringlichkeit“ wäre die Bewertungsaussage: „Die Umsetzung dieses Vorschlags halte ich für besonders dringend.